Barrierefreie PDF mit InDesign CS 5.5

LogoAdobe verspricht mit der neuen Version von InDesign CS 5.5 erweiterte Optionen für barrierefreie PDF-Dateien. Auf der Website wird als Beispiel angeführt, dass „Texte, die anstelle einer Grafik oder eines Objekts vorgelesen werden, […] sich jetzt noch einfacher hinzufügen, bearbeiten und anzeigen lassen“. Das ist zwar nett, aber alleine noch kein Grund, auf die neue Version umzusteigen.  In der Liste der Neuerungen tauchen dann aber noch ein paar weitere Hinweise auf, die einer Betrachtung wert sind.

In dem folgenden Beitrag möchte ich über neue Features und erste Erfahrungen mit der aktuellen InDesign-Version und der Erstellung barrierefreier PDF-Dokumente berichten. Ich hoffe auf zahlreiche Kommentare und gerne auch Berichte aus der Praxis.

ePUB- und PDF-Export

epub-LogoSchwerpunkt und erster Punkt in der Liste der Neuerungen ist das Thema ePUB (electronic publication, eBooks). Da hier, ebenso wie bei barrierefreien PDF-Dokumenten, die XML-Struktur zum Tragen kommt, sind Verbesserungen an dieser Stelle auch für den korrekten PDF-Export relevant. Barrierefreie Inhalte richten sich, entgegen der landläufigen Meinung, nicht ausschließlich an Menschen mit Behinderungen und berücksichtigen nicht nur Ausgabegeräte wie zum Beispiel Screenreader für blinde Nutzerinnen und Nutzer, sondern eben auch eBooks und Smartphones.

Barrierefreie PDF-Dokumente sorgen dafür, dass Inhalte und Services für unterschiedliche Ausgabegeräte und Nutzergruppen zugänglich und bedienbar sind.

Exportoptionen

Die Nähe von barrierefreien PDF und ePUB-Formaten zeigt sich somit auch an verschiedenen Stellen. Über die die neuen Objektexportoptionen können Alternativtexte für Grafiken eingerichtet werden, der dann in beide Ausgabeformate übernommen wird. Sie können den Alternativtexten aber auch wie bisher über die XML-Struktur einrichten.

Objektexporteinstellungen

Der Alternativtext kommt wie früher aus der XML-Strukturansicht (Aus Struktur) oder wird bei den Objektexportoptionen benutzerdefiniert eingegeben.

Im selben Fenster findet sich ein Register für den PDF-Export: Einzelne Objekte können hier direkt als Außertextliche Elemente getagged werden. Für den ePUB-Export finden sich Einstellmöglichkeiten für Bildgrößen und Textfluss. Weitere Exporteinstellungen, wie zum Beispiel die Lesereihenfolge über Artikel (siehe unten) zu steuern gelten gleichermaßen für PDF und ePUB.

Taggen von PDF

Für das taggen von PDF-Dokumenten stehen dieselben Werkzeuge wie bisher zur Verfügung: Strukturansicht und Tag-Bedienfeld. Hinzugekommen ist die Möglichkeit direkt in den Absatzformaten Tags zu definieren.

Tag-Export über Absatzformatierung

Leider fehlt hier die Möglichkeit zusätzliche Tags zu wählen oder selber zu definieren. Dafür muss dann doch wieder das Tag-Bedienfeld genutzt und den Absatzformaten zugeordnet werden. Ausgeglichen wird dieses Manko teilweise wieder dadurch, dass einige Tags automatisch hinzugefügt werden. Insbesondere das automatische taggen von (verschachtelten) Listen ist ein großer Fortschritt gegenüber dem bisherigen PDF-Export.

Automatisch hinzugefügte Tags

  • Tabellen und verschachtelte Tabellen
    •   Verbesserung bei verschachtelten Tabellen
    •   Noch nicht korrekt: <P> innerhalb der <TD>-Tags
  • Listen und verschachtelte Listen
    •   als <LI> getaggt
    •   Verschachtelte Listen noch nicht ganz korrekt: verschachtelte Ebene wird als neues <L> unterhalb des <LI> angelegt. Aber immerhin…
  • Fußnoten
    •   korrekt als <Note> getaggt, aber auch mit einem untergeordneten <P>-Tag
  • Hyperlinks
    •   Mit korrekten <Link> und <OBJR>-Tags

Verbessert werden könnte noch die Ausgabe von Inhaltsverzeichnissen. Zwar werden diese automatisch in strukturierte Lesezeichen im PDF umgesetzt und auch mit einem <Link>-Tag versehen, aber leider fehlt hier das <TOC> und <TOCI>-Tag. Auch bei entsprechenden Absatzformaten und Tags wird dies leider nicht an das PDF übergeben.

Vergleich der InDesign-Struktur und der PDF-Tags

Vergleich der InDesign-Struktur und der PDF-Tags in Acrobat

Metadaten

Die Angabe von Metadaten wurde erweitert. Für den ePUB-Export können Verlagsinformationen angegeben werden. Autor, Titel und Inhalt werden (wie schon früher) in das PDF übernommen. Leider gibt es aber immer noch keine Möglichkeit über Eigenschaften in InDesign zu bestimmen, dass bei den Seiteneigenschaften im PDF automatisch Dokumentenstruktur verwenden eingestellt wird.

Verankerte Objekte und verknüpfte Textabschnitte

Verbessert wurde die Möglichkeit mit verankerten Objekten zu arbeiten. Sie können zum Beispiel einen frei schwebenden Textrahmen per Drag & Drop an einer anderen Textstelle verankern. Auf den ersten Blick sieht das sogar in der Strukturansicht sehr gut aus, da der betreffende Textabschnitt automatisch an die entsprechende Stelle im übergeordneten Textabschnitt verschoben wird.
Manko: Obwohl es sich nach wie vor um Textabschnitte mit <P>-Tags handelt, wird im PDF daraus ein <Figure>-Tag mit der entsprechenden Fehlermeldung: kein Alternativtext… Nachträglich müsste der Tag wieder in <P> umbenannt werden. Der Ansatz ist sicherlich richtig, aber bei der Umsetzung ist noch „Potential für Verbesserung“.

Neu als Funktion sind die verknüpften Textabschnitte. Dies erleichtert die Verwaltung von mehreren Versionen des gleichen Inhaltes in einem Dokument. Damit unterstützt InDesign den Workflow, bei denen beispielsweise Designs für vertikale und horizontale Layouts benötigt werden (eBook), oder für spezielle Varianten für Print und Online-Publikation in einer Datei. Einen direkten Einfluss auf den PDF-Export hat diese Funktion nicht.

Artikel und Lesereihenfolge

Eine neue Funktion für den PDF- und ePUB-Export sind die Artikel. In Artikeln können Textabschnitte, Grafiken und andere Seitenelemente angeordnet werden. Diese Anordnung wird in barrierefreien PDFs (und eBooks) in die Tag-Struktur exportiert und bestimmt wie die Inhalte angeordnet und somit von dem Screenreader vorgelesen werden.

Artikel erstellen

In Artikel werden nur vollständige Textabschnitte berücksichtigt. Soll innerhalb eines Fließtextes eine vom eigentlichen Textfluss abweichende Artikelreihenfolge erstellt werden, muss der Textabschnitt aufgeteilt werden.

Artikel in PDF

Artikel in der Tagstruktur des PDF-Dokumentes (Hier Ansicht in Acrobat)

Leider wird über die Artikel nur die Tagstruktur gesteuert, relevant für Screenreader. Im Umfließen-Modus ist aber die Lesereihenfolge ausschlaggebend, welche nicht durch die InDesign-Artikel beeinflusst werden. Hier muss nach wie vor mühsam die Z-Reihenfolge des InDesign-Dokumentes angepasst werden.

Die InDesign-Artikel haben nichts mit den PDF-Artikel zu tun und es werden auch keine PDF-Artikel über die InDesign-Funktion erstellen.

Fazit

Wenn es auch noch ein paar Baustellen gibt, so kann aber doch gesagt werden, dass InDesign CS 5.5 eine Menge Detailverbesserungen für die Erstellung von barrierefreie PDF-Dokumenten bringt (und vielleicht werden in CS 6 dann auch noch die übrig gebliebenen Schlaglöcher geflickt). Es bleibt aber die Notwendigkeit einer genauen Prüfung und unter Umständen langwierigen Überarbeitung des PDF-Dokumentes in Acrobat um ein zufriedenstellendes und wirklich barrierefreies Ergebnis zu erzielen.

Dass die Veröffentlichung von eBooks und das ePUB-Format mehr Beachtung findet, ist sicherlich hilfreich, wenn auch ein barrierefreies PDF für viele eBook-Reader schon die wichtigsten Voraussetzungen und Funktionen mitbringt…

reader library

Darstellung eines "tagged PDF" in der Vorschau mit Lesezeichen in der Reader Library...

pdf auf eBook

...und als PDF auf einem eBook (es muss ja nicht immer das iPad sein. Hier mal mit einem Sony eBook Reader)

pdf in Adobe Reader

Das selbe PDF im Adobe Reader in der normalen Ansicht...

pdf im Umfließen-Modus

... und noch einmal im Adobe Reader in der Ansicht "Umfließen"

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Ein Gedanke zu „Barrierefreie PDF mit InDesign CS 5.5

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